Rede von Marlies Smeets
Oberbürgermeisterin der Stadt Düsseldorf

Am heutigen 13. Dezember 1996 jährt sich zum 199. Mal der Geburtstag Heinrich Heines. Traditionell erfolgt an diesem Tag die Verleihung des Heine-Preises, der seit 1972 zu Ehren des in unserer Stadt geborenen großen Dichters alle zwei beziehungsweise drei Jahre vergeben wird. In diesem Jahr verleiht die Landeshauptstadt Düsseldorf ihren Heine-Preis zum 11. Mal.
Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, sehr herzlich, daß Sie der Einladung zur feierlichen Übergabe des diesjährigen Heine-Preises gefolgt sind. Lassen Sie mich vor allem aber unseren diesjährigen Preisträger willkommen heißen.
Es ist für mich eine Ehre und Freude, Sie, sehr geehrter Professor Dr. Wladyslaw Bartoszewski, und Ihre Gattin sowie Ihren extra aus London angereisten Sohn und Ihre Schwiegertochter im Namen des Rates und der Verwaltung der Stadt bei uns begrüßen zu dürfen.
Unter den hohen Gästen dieser Feierstunde möchte ich noch einen besonderen Gruß an den
Minister für Bauen und Wohnen und Stellvertreter des Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Dr Michael Vesper, richten. Ich danke Ihnen, sehr geehrter Herr Minister, daß Sie heute stellvertretend für Herrn Ministerpräsidenten Rau auch noch ein Grußwort an die Anwesenden richten werden.
Meine herzlichen Grüße gelten auch den hier anwesenden Mitgliedern der Heine-Preis-Jurv, denen ich ganz herzlich für ihre Mitarbeit danke. In meine Grüße darf ich darüber hinaus in gleicher Herzlichkeit einschließen
- die Vertreterinnen und Vertreter des konsularischen Korps sowie der Räte und Verwaltungen unserer Nachbarstädte und Kreise,
- die Repräsentantinnen und Repräsentanten der Konfessionen,
- die Mitglieder der Heinrich-Heine-Gesellschaft und des Kuratoriums Heine-Jahr 1997
- sowie die Vertreterinnen und Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen.
Eine besondere Freude ist es für uns aber, daß zur Würdigung von Prof.essorBartoszewski seine Eminenz Jean-Marie Kardinal Lustiger, der Erzbischof von Paris, die Laudatio halten wird.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, bereits in Goethes Roman ,,Wilhelm Meisters Lehrjahre" lautet eine goldene Regel, daß ein gescheiter Mensch die beste Bildung auf Reisen finden kann.
Heinrich Heine ist ganz nach diesem Vorschlag verfahren. Eine Methode, die im modernen Massentourismus von heute allerdings nicht die gleichen literarischen Folgen zeitigt wie bei dem wohl berühmtesten Sohn unserer Stadt.
Nicht nur, daß Heine als Student zu Fuß durch die Rheinlande und Westfalen gewandert ist und seine berühmte Harzreise ebenfalls auf Schusters Rappen unternommen hat, er hat auch trotz aller damaligen Probleme die komplizierten Landesgrenzen immer wieder in mehr als nur dem wörtlichen Sinne überwunden.
Er hat auf seinen Reisen England, Holland und Italien kennengelernt und auf unverwechselbare Art beschrieben. Schließlich - wenn auch nicht ganz freiwillig - hat Heine Frankreich beziehungsweise Paris zu seinem ständigen Aufenthaltsort gewählt.
Seine erste Auslandsreise führte 1822 von Berlin aus - wo er damals studierte - nach Polen. Dort besuchte er vor allem den preußischen Teil, während er den russischen nur streifte und den österreichischen gar nicht aufsuchte.
Schon diese historische Dreigliederung macht auf die jahrhundertelangen Nöte innerhalb der polnischen Nationalgeschichte aufmerksam. Diese Nöte standen dem jungen Schriftsteller Heine aufgrund seiner eigenen, von ihm immer wieder stark empfundenen Außenseiterposition als deutscher Jude mit besonderer Intensität vor Augen.
Diese Reise hat übrigens in einer kleinen Skizze im Vorfeld seiner Reisebilder unter dem Titel >>Über Polen<<ihren Niederschlag gefunden. Eine Schilderung, die auch heute noch lesenswert ist. Die Lebensverhältnisse der Bauern, des Adels und der polnischen Juden werden mit Anteilnahme, Respekt, allerdings auch mit einem Schuß kritischer beziehungsweise ironischer Distanz dargestellt. Besonders bemerkenswert ist dabei sein ausgeprägtes Lob der Polinnen aller Stände.
Mit einem Zitat aus diesem Bericht über Polen möchte ich Ihnen nicht nur einen Eindruck der engagierten Betrachtungsweise des jungen Schriftstellers Heine vermitteln, sondern damit auch die so auszeichnungswürdige Haltung und Lebensleistung des diesjährigen Heine-Preisträgers darstellen.
Es heißt bei Heine >>Ich hege die größten Erwartungen von dieser geistigen Umsetzung Polens... Der Pole wird die Feder ebenso gut führen wie die Lanze, und wird sich ebenso tapfer zeigen auf dem Gebiete des Wissens, als auf den bekannten Schlachtfeldern ... Bei vielen Völkern Europas ist der Geist eben durch seine vielen Reibungen, schon ziemlich abgestumpft und durch den Triumph seines Bestrebens, durch sein Sichselbsterkennen, hat er sich sogar hie und da selbst zerstören müssen... Die Polen (werden) von den vielhundertjähngen Geistes-Anstrengungen des übrigen Europa die reinen Resultate in Empfang nehmen, und während diejenigen Völker, welche bisher an dem babylonischen Turmbau europäischer Kultur mühsam arbeiteten, erschöpft sind, werden unsere neuen Ankömmlinge, mit ihrer slawischen Behändigkeit und noch unerschlafften Rüstigkeit das Werk weiter fördern."
Die Verteidigung und Förderung der besten europäischen Traditionen mit all ihren humanen Ansprüchen aus Ehrfurcht vor Gott und den Menschen gehört in der Tat zu den bewundernswerten Verdiensten von Professor Bartoszewski. >>Wenn Vaterland das erste Wort der Polen ist<< heißt es bei Heine, >>so ist Freiheit das zweite.<< - >>Ein schönes Wort!<< fährt Heine fort und folgert >>Nächst der Liebe gewiß das Schönste.<<
Der lebenslange Einsatz für diese Werte von Vaterland, Freiheit und Liebe entspringt den polnischen Tugenden unseres Preisträgers, der zwischen Polen und Europa, insbesondere zwischen Polen und Deutschland, zwischen Katholizismus und Judentum, zwischen Wissenschaft, Journalismus und Politik, zwischen privater Begegnung und öffentlichem Auftreten vermittelt hat und Brücken zu schlagen imstande war.
Für dieses Lebenswerk der stillen Beharrlichkeit und des unerschütterlichen Vertrauens und Mutes danken wir Professor Bartoszewski von ganzem Herzen. Stets hat er die >>Wichtigkeit jedes einzelnen auf dieser Erde, in diesem Lande<< betont und damit das Wort Heines aus der italienischen Reise bekräftigt, in dem es heißt
>>Ist das Leben des Individuums nicht vielleicht ebensoviel wert wie das des ganzen Geschlechtes? Denn jeder ehzelne Mensch ist schon eine Welt die mit ihm geboren wird und mit ihm stirbt. Unter jedem Grabstein liegt ehe Weltgeschichte.<<
Sie, sehr geehrter Professor Bartoszewski, haben den Heine-Preis als Auszeichnung für Persönlichkeiten im Geist Heines nicht nur verdient, sondern erfüllen ihn am Vorabend des Heine-Jahres 1997, in dem wir den 200. Geburtstag des Dichters begehen, mit dem Sinn der Verständigung und Aussöhnung, einem Sinn, der in die Zukunft weist und ohne den das Zusammenleben in Europa und der übrigen Welt nicht gelingen kann.
Seine Eminenz, Jean-Marie Kardinal Lustiger, verkörpert die gerade angesprochenen Tugenden ebenfalls in hohem Maße, und wir hätten uns keinen geeigneteren Laudator vorstellen können.
Ihre Verdienste um Menschen und menschliche Bdange, Herr Professor Bartoszewski, sind dem Kardinal aus persönlichen wie offiziellen Gründen so vertraut wie kaum einem sonst.
Heinrich Heine freilich, lebte er heute, würde sich wohl überrascht die Augen reiben, wenn ihm als zum Protestantismus übergetretenen Juden anläßlich der katholischen Eheschließung mit seiner französischen Frau Mathilde der zuständige Ortsbischof entgegenträte. In gespielter Bescheidenheit wiese er sicherlich soviel Aufhebens für seine Person mit einem ironischen Lächeln von sich.
Gleichzeitig wäre er aber zweifellos stolz darauf, als ,>>Abkömmling jener Märtyrer<<, wie er in den Geständnissen über seine eigene jüdische Herkunft sagt, >>die der Welt einen Gott und eine Moral gegeben, und auf allen Schlachtfeldern des Gedankens gekämpft und gelitten haben<<, im Kardinal von Paris als Sohn polnisch-jüdischer Einwanderer in Frankreich gewissermaßen einen entfernten Vetter<< zu treffen.
Einen Vetter, der den vom Dichter selbst einmal erzählten, möglichen Lebensentwurf einer römisch-katholischen Karriere in die Tat umgesetzt hat und der obendrein zur Akademie Francaise gehört.
Auch Ihnen, Herr Kardinal, gilt unser aufrichtiger Dank und unsere Bewunderung. Wir wissen den diesjährigen Heine-Geburtstag durch den Preisträger und den Laudator in den denkbar besten Händen.

Übergabe der Urkunde zum Heine-Preis
an Professor Dr. Wladyslaw Bartoszewski
durch Marlies Smeets,
Oberbürgermeisterin der Stadt Düsseldorf


Zunächst möchte ich Ihnen, Eminenz, für Ihre Würdigung Wladyslaw Bartoszewskis und seines Wirkens in unserer Zeit sehr herzlich danken.
Für mich ist es nun eine große Freude, Ihnen, sehr geehrter Professor Bartoszewski, den Heine-Preis zu übergeben. Erlauben Sie, daß ich zuvor den Text der Verleihungsurkunde verlese
>>Der Rat der Landeshauptstadt Düsseldorf verleiht Herrn Professor Dr Wladyslaw Bartoszewski den Heine-Preis 1996. Wladyslaw Bartoszewski hat durch seinen lebenslangen Kampf für Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Völkerverständigung im Sinne Heinrich Heines gewirkt. Der Historiker, Publizist und ehemalige Außenminister der Republik Polen, von Nationalsozialisten und Kommunisten wegen seines mutigen Widerstandes gleichermaßen verfolgt, hat seinen Glauben an den Sinn eines leidenschaftlichen Handelns zum Nutzen der Menschheit stets unter Beweis gestellt. Dies gilt auch für seine bleibenden Verdienste um die polnisch-deutschen Beziehungen im Rahmen einer gesamteuropäischen Verständigung.<<
Den Preis und die Urkunde darf ich Ihnen, sehr geehrter Professor Bartoszewski, mit den herzlichen Glückwünschen des Rates und der Verwaltung der Stadt und mit dem Ausdruck unserer besonderen Wertschätzung überreichen.
Ich verbinde damit meine besten Wünsche für Ihr weiteres Wirken und für Ihr persönliches Wohlergehen.

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