Laudatio
von Jean-Marie Kardinal Lustiger,
Erzbischof von Paris

In Berlin hat die Vorsehung Wladyslaw Bartoszewski und mich zum ersten Mal einander begegnen lassen.
Weder er noch ich ahnten damals, daß Heinrich Heine, der an der Universität Berlin sein Jurastudium absolviert hatte, uns eines Tages wieder in Düsseldorf, seiner Geburtsstadt, zusammenführen und uns damit die Gelegenheit zur Weiterführung unseres Austauschs bieten würde. Unsere Gespräche anläßlich unserer ersten Begegnung kreisten um die deutsche Nation und die Freiheit, Ost und West und das >>Gemeinsame Haus<< Europa. Es war am 26. Mai 1990, während des Katholikentages, in jenen schicksalsschweren und geschichtsträchtigen Tagen, an denen die Berliner Mauer endgültig abgerissen worde.
Wie hätte wohl der jonge Heinrich Heine aus den Jahren um 1825 auf diese Ereignisse und diese Wende im Schicksal Deutschlands reagiert? Oder der spätere Autor von Deutschland, ein Wintermärchen und Atta Troll, ein Sommernachtstraum?
Ich kann mir gut vorstellen, daß seine süß-saure Ironie und sein unausrottbarer Glaube an den politischen Sieg der die Freiheit garantierenden Vernunft angesichts von Wladyslaw Bartoszewskis Bericht über Auschwitz und Birkenau verstummt wären.
Hätte er dann wohl noch die ersten Verse der Loreley gesäuselt und sein Ideal der Freiheit zu den >>Märchen aus uralten Zeiten<< gezählt? Hätte er dennoch weiter nach dem Sinn seiner untröstlichen Trauer gesucht?
        >>Ich weiß nicht was soll es bedeuten
         Daß ich so traurig bin
         Ein Märchen aus uralten Zeiten
         Das kommt mir nicht aus dem Sinn...<<
Hätte er dies getan, so würde ich mich wohl hüten, ihn darauf hinzuweisen, um die Grausamkeit seiner Lage nicht noch zu verschärfen, daß in den deutschen Schulbüchern seit 1936 dieses Gedicht mit folgender Anmerkung abgedruckt war >>Dichter unbekannt<<.
Zwar schien es unmöglich, die Loreley aus dem deutschen Gedächtnis auszumerzen; aber den Namen Heinrich Heines, den Autor des Gedichtes, aus der deutschen Dichtung herauszureißen, dies schien kein Ding der Unmöglichkeit zu sein. In diesem Zunichtemachen des Namens des Dichters kündigte sich die kurz darauf einsetzende Vernichtung der Juden unheilvoll an.
Wie hätte wohl Heine auf die Worte des SSHauptsturmführers Karl Fritsch, des Lagerkommandanten von Auschwitz, reagiert, der an einen Konvoi von Neuankömmlingen folgenden, von Wladyslaw Bartoszewski überlieferten Satz richtete >>Ja, seht Ihr den Kamin da drüben! Der einzige Weg in die Freiheit führt für Euch durch den Schornstein.<<? Und etwas weiter schließt Bartoszewski, mit Bezug auf sein eigenes Schicksal >>Frei? Frei von Auschwitz wurde ich eigentlich bis heute nicht. Das dart man nicht vergessen.<<
Dennoch sind es dieselbe Freiheitsliebe und der derselbe Glaube an deren Möglichkeit, die Heine und Bartoszewski miteinander verbinden. Beide sind von der gemeinsamen Überzeugung der unabdingbaren Würde jedes einzelnen Menschen getragen. Es ist diese Grundüberzeugung, die die Verleihung des Heinrich-Heine-Preises an den ehemaligen Häftling des Konzentrationslagers Auschwitz mit folgender Begründung rechtfertigt

>>Wladyslaw Bartoszewski hat durch seinen lebenslangen Kampf für Freiheit, soziale Gerechtigkeit, Frieden und Völkerverständigung im Sinne Heinrich Heines gewirkt. Der Historiker, Publizist und ehemalige Außenminister der Republik Polen, von Nationalsozialisten und Kommunisten wegen seines mutigen Widerstandes gleichermaßen verfolgt, hat seinen Glauben an den Sinn eines leidenschaftlichen Handelns zum Nutzen der Menschheit stets unter Beweis gestellt.<<

Zunächst aber obliegt mit die Pflicht, in wenigen Strichen den Lebenslauf des Laureaten zu skizzieren.
Gegen wie viele Widerstände mußte dieser 1922, drei Jahre nach der Neugründung des polnischen Staates, in Warschau geborene Mann seinen Traum von einem Leben in Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit verteidigen! Am 22. September 1940, im Alter von 18 Jahren, wurde der damalige Angestellte beim Polnischen Roten Kreuz ins Konzentrationslager Auschwitz eingeliefert. Nach seiner Entlassung aus dem Lager im April 1941, beteiligte er sich aktiv im Untergrund am Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht. Als Soldat der >>Heimatarmee<< (>>Armia Krajowa<<) schrieb er für die Untergrundblätter und wurde so zu einem der Gründer der katholischen Widerstandsorganisation >>Front der Wiedergeburt Polens<<. Sehr früh schon begann er Informationen über die von den Nazis an Polen und Juden begangenen Verbrechen zu sammeln und an die Exilregierung in London weiterzuleiten. Als stellvertretender Leiter im Judenreferat der Delegatur der Londoner Exilregierung war er an vielen Hilfsaktionen tür die verfolgten Juden beteiligt. Im Dezember 1942 nimmt er an der Gründung >>Hilfsrat für Juden<< (>>Zegota<<) in Warschau teil. In einem Buch Zegota - Juden und Polen im Widerstand 1934-1944 (S. Fischer Verlag Frankfurt am Main) beschreibt er als Zeuge und Historiker mit einer bemerkenswerten Genauigkeit das Drama des Unternehmens der polnischen Judenvernichtung. Als Oberleutnant der Heimatarmee nahm er am Warschauer Aufstand 1944 teil.
Aber auch nach Ende des Krieges blieb seinem Traum von einem Leben in Freiheit lange Zeit die Erfüllung versagt. Auch den neuen kommunistischen Machthabern in Polen waren seine journalistischen Tätigkeiten und sein leidenschaftliches gesellschaftliches und politisches Engagement mißfällig. So wurde er mehrfach verhaftet, und im Zeitraum der Jahre 1946-1954 verbrachte er mehr als sechs Jahre im Gefängnis. Auch wenn der inzwischen als Publizist und Historiker international bekanntgewordene Professor seit dem Jahre 1963 die Erlaubnis zu Auslandsreisen erhalten hatte und mehrmals als Gastprofessor an deutschen Universitäten, etwa in München, Eichstätt und Augsburg, tätig war, so holten ihn die Schatten der Vergangenheit immer wieder ein. Zum letzten Mal nach der Ausrufung des Kriegsrechtes im Jahre 1981, die ihm eine mehrmonatige Internierung bescherte. Nach dem Zusammensturz des kommunistischen Regimes wurde er der erste Botschafter des freien Polens in der Republik Österreich, und im Frühjahr 1995 wurde ihm das Amt des Außenministers der Republik Polen übertragen.
Seine vielseitige publizistische und wissenschaftliche Arbeit kreist um ein einziges Grundthema Kampf wider das Vergessen. Dieser Kampf ist nicht nur lebenswichtig für den Historiker sondern für die Menschheit überhaupt. Kampf wider das Vergessen und Lebensrettung gehen in Bartoszewskis Denken und Leben eine unauflösliche Verbindung ein.
>>Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt<<, lautet einer seiner Schlüsselsätze. Lebensrettung aber verlangt einen Preis, unter Umständen die Preisgabe des eigenen Lebens. Unermüdlich und unerbittlich erinnert uns Bartoszewski an diese harte Wahrheit, die in unserer schnellebigen und Ieichtfertigen Zeit gerne in Vergessenheit gerät.
Noch ein letztes Merkmal dieses außergewöhnlichen Lebens verdient im Rahmen dieser Laudatio eine besondere Erwähnung. Es ist gewiß kein Zufall, daß das jüdische Institut Yad Vashem in Jerusalem unseren Preisträger mit dem Ehrentitel eines >>Gerechten unter den Völkern der Welt<< ausgezeichnet hat. Mehr als die zahlreichen anderen Auszeichnungen und Ehrentitel, mit denen er bedacht wurde, erinnert dieser Titel daran, in welchem hohen Maße Wladyslaw Bartoszewski sein Leben in den Dienst der Völkerverständigung und der Versöhnung gestellt hat. So war in seinen Augen der Einsatz für die Verständigung zwischen Deutschen und Polen nicht nur eine moralische Aufgabe, sie war auch ein Ausdruck seines politischen Realismus und des Bewußtseins der Wichtigkeit gutnachbarlicher Beziehungen zwischen beiden Ländern.
Heinrich Heine, dessen wenig freundliche Einstellung zum Christentum eine wohlbekannte Tatsache ist, hätte auch an diesen Punkten Anlaß zur Verwunderung gehabt, weil die Ideen und Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Gerechtigkeit und Toleranz -, für die er gekämpft hatte, in einem zeigenössischen Zeugen des christlichen Glaubens einen unerwarteten Verbündeten gefunden haben. Den unverbrüchlichen Glauben an diese Werte, dies haben Heine und Bartoszewski, über alle Unterschiede hinweg, gemeinsam.
Es waren die Ideale der Julirevolution, die Heine im Jahre 1831 nach Paris führten, einer Stadt, die ihm bis zu seinem Tode zur zweiten Heimat wurde. Aus dieser erlebten Distanz zwischen Heimat und Fremde setzte seine Besinnung auf das europäische Erbe ein, das in seinem Verständnis wesentlich auf der Aufklärung und der Entdeckung der Menschenrechte fußte. Mehr als ein Jahrhundert später müssen wir uns fragen, was aus diesem Europa geworden ist, das Heine, als einer der wenigen Dichter der Romantik, zum Gegenstand seiner Besinnung machte. Was Heine und Bartoszewski voneinander trennt, ist die große Tragödie unseres Jahrhunderts, ein Drama Deutschlands, aber auch ein Drama Europas. Dieses Drama wirft seinen dunklen Schatten auf die humanistischen Hoffnungen der Aufklärungsgläubigkeit an Fortschritt und Emanzipation. Wenn Christen wie Bartoszewski sowohl dem Zynismus als auch dem Skeptizismus - eher noch dem Nihilismus - Widerstand geleistet haben, so fanden sie die Kraft zu diesem Widerstand in ihrem Glauben. Mehr als alles andere hätte diese Tatsache Heinrich Heine überrascht und seine melancholischen Gedanken über den Untergang der griechischen Götterwelt, wie auch seine spöttische Bemerkungen über Paulinismus und Nazarenertum vor neue Herausforderungen gestellt.
Im Lichte dieser Herausforderungen wird der Kampf um die Aufrechterhaltung der humanistischen Hoffnungen zur brennenden Aufgabe der heutigen Generation. Welches Modell der Zivilisation wird das wiedervereinigte Deutschland Europa aufzwingen? Scharfsinnige Beobachter der gegenwärtigen Lage haben ihre Diagnose längst gestellt der in Westdeutschland grassierende Materialismus beherrscht auf weiten Strecken das Feld, unbeschadet der Tatsache, daß die kulturellen und religiösen Institutionen in ihren Grundfesten unerschüttert scheinen. Dennoch hat man den Eindruck, als ob sich hinter den prunkvollen Fassaden des Wohlstands eine verzweifelte und Verzweiflung auslösende geistige Leere ausbreiten würde. Gleichzeitig leiden die Menschen im Osten Deutschlands immer noch unter den Spätfolgen der tiefgreifenden Entmenschlichung und Entmoralisierung, die das marxistische System erzeugt hatte.
Die wirtschaftliche und politische Wiedervereinigung Deutschlands allein bietet noch keine Gewähr dafür, daß auch die Seele des Volkes wiederaufersteht, denn im Westen wie im Osten ist die geistige Ödnis gleichermaßen verheerend. Der Materialismus der Entbehrung hat sich mit dem Materialismus des Überflusses vereinigt. Der Nihilismus der Ideologie verbündet sich heutzutage mit dem Nihilismus des Konsums. Hierin besteht das eigentliche Drama Deutschlands, das die Zukunft Europas belastet. Welche frohe Botschaft, welches Ideal, welche Kraft kann es uns noch bieten? Wie - wenn es nichts anderes als den Materialismus, die Quelle des Nihilismus, anzubieten hat - sollte es ihm gelingen, die Wunden des Ostens wie auch die des Westens zu heilen und die besten Schätze beider Seiten zusammenzuführen?
Wladyslaw Bartoszewski ist einer jener Menschen, die, weil sie an die Abgründe der Unmenschlichkeit gerührt haben, ständig aufs neue zu Zeugen der Hoffnung geworden sind und ihren Mut an die Zeitgenossen weitergegeben haben. Ich zitiere ihn nochmals
>>Die biblische Stadt Sodom wurde nicht gerettet, weil zehn Gerechte fehlten. >Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt<, sagt eine der Weisheiten des Talmuds. Das christliche Europa von heute hat eine Chance der Verarbeitung und der Lehre aus der Geschichte. Diese Chance besteht nur in der Anerkennung des eigenen Versagens, des Mangels an Gerechtigkeit, an Toleranz und Zivilcourage in der Politik. Auschwitz steht als bedrängendes Symbol dafür, wohin solches Versagen führen kann. Auschwitz verpflichtet uns alle zur Besinnung und zur Erziehung der neuen Generationen aller Völker im Geiste der Menschenachtung, im entschlossenen Engagement gegen Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und negatives Pauschaldenken über den >anderen<. Die mutigen guten Taten, die es damals auch gab, die Ausnahmefälle und die Opferbereitschaft der einzelnen müssen uns Vorbild bleiben. Denn wenn so etwas wie der Fluch der bösen Tat existiert - was wir oft glauben -, dürfen wir auch auf den Segen der guten Tat vertrauen und an diesem Segen durch unsere Haltung teilnehmen.<<
Die neue Chance Europas, von der Bartoszewski spricht, hat in meinen Augen in vier Schicksalen unserer Zeit Gestalt angenommen. Es sind jene vier Töchter und Söhne Deutschlands, die Papst Johannes Paul der Zweite vor kurzem seliggesprochen hat Edith Stein, Ruppert Mayer, Karl Leissner, Bernhard Lichtenberg. Sie sind Opfer der deutschen Tragödie, aber ihr Glaube gab ihnen die Kraft, lichtvolle und mutige Zeugen der Freiheit zu sein.
In ihnen wird der >>Segen der guten Taten<<, von dem Bartoszewski spricht, offenbar. Solchen Taten können wir Vertrauen schenken, so wie sie ihrerseits uns dazu einladen, nach ihrem Beispiel zu handeln. Das Zeichen der Versöhnung der europäischen Nationen mit Deutschland findet das deutsche Volk in seiner eigenen Geschichte, wenn es auf jene Frauen und Männer blickt, auf deren Beispiel und Vorbild es seine Jugend verweist.

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