Rede von Johanna v. Bennigsen-Foerder,
Vorsitzende der Heinrich-Heine-Gesellschaft,
zur Verleihung der Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft
an Frau Professor Dr. Ruth Klüger
am 16. Februar 1997
im Düsseldorfer Schauspielhaus


Herr Ministerpräsident, Frau Oberbürgermeisterin, Exzellenz, Magnifizenz, sehr geehrte Frau Professor Klüger, meine Damen und Herren,
die heutige festliche Eröffnung des Heinrich-Heine-Jahres 1997 erfüllt mich mit Stolz und vor allem mit großer Freude. Ich danke Ihnen allen von Herzen, daß Sie der Einladung von Frau Oberbürgermeisterin Smeets, Herrn Professor Kaiser, dem Rektor der Heinrich-Heine- Universität, und mir selbst gefolgt sind, um hier im Düsseldorfer Schauspielhaus gemeinsam diese Stunde der Würdigung zu erleben.
Am Vorabend von Heines Todestag - das ist auch ein traditionelles Datum für uns -wird die Heinrich-Heine-Gesellschaft - Mitträgerin des Gedenkjahres - ihre Ehrengabe im Rahmen der heutigen Feierstunde vergeben. Verliehen wird sie der berühmten Germanistin und Schriftstellerin Frau Professor Ruth Klüger, welche ich noch einmal ganz besonders herzlich begrüßen möchte. Wir sind glücklich, daß sich Frau Klüger mit großer Freude bereit erklärt hat, die Ehrung anzunehmen und nun in unserer Mitte ist. Dank gebührt ihr für den weiten Weg aus den USA, den sie auf sich genommen hat und von dem sie sich auch durch einen Sturz vor dem Abflug nicht hat abhalten lassen, um die Ehrengabe entgegenzu nehmen, ebenso wie für die Gedanken zu dem Motto >>Mein Herz ist hebend wie das Licht<< aus dem Wintermärchen, die sie gleich vortragen wird.
Danken möchte ich in besonderer Weise persönlich und im Namen der Heinrich-Heine-Gesellschaft Herrn Ministerpräsidenten Johannes Rau. Ohne ihn wäre das Heine Jahr in der Landeshauptstadt Düsseldorf gar nicht zu denken. Da seine von uns oft bewunderten Überlegungen der Gedankenwelt von Heinrich Heine und Ruth Krüger sehr nahe stehen, hat er mit großer Freude die Aufgabe übernommen, die Laudatio, die auf meine Worte folgen wird, zu halten.
Die Ehrengabe der Heinrich-Heine-Gesellschaft, meine sehr verehrten Damen und Herren, ist 1965 zum ersten Mal vergeben worden. Sie stellte im Deutschland der 60er Jahre einen ungewöhnlichen Literaturpreis dar, da er sich die Förderung moderner und kritischer Autoren zum Ziel erklärt hatte. Inzwischen gehört die Heine-Ehrengabe zu einer von zahlreichen bekannten Literatur-Auszeichnungen - und dabei noch zu einer von der bescheidenen, da undotierten Art. Allein der Name des Dichters, dann die ihn engagiert nach außen vertretende Gesellschaft mit ihren immerhin etwa 1.200 Mitgliedern in vielen Ländern und schließlich die hochachtbare Reihe der von uns Ausgezeichneten sind die ganze Ehrung. Gerade durch diese stärker ideelle Ausrichtung erscheint uns der Preis besonders wertvoll, schließlich liegt die Qualität im Wesentlichen, worin ich Herrn Professor Solms nur beipflichten kann.
Die Ehrengabe und ihre Preisträger haben das Andenken Heines in der Öffentlichkeit, vor allem im literarischen Geschehen, in unterschiedlichster Weise eindrucksvoll belebt Die Tatsache, daß die Stadt Düsseldorf 1972 einen Persönlichkeitspreis ebenfalls unter Heines Namen ins Leben rief, brachte uns dabei nicht ins Wanken, sondern führte letztlich zu einer weiteren, wirkungsvollen, nur zu begrüßenden Aktualisierung dieses so bedeutenden Dichters, seines Werkes und seiner stets selbstkritischen Gedankenwelt.
Heines Name steht für lebendige Stellungnahme und Aktualität, nicht für vergangene und erstarrte Schönheit. Poesie, Literatur und Literaturkritik sind Prozesse, die nach unserer Meinung auch heute sinnvoll und folgen reich mit Heines Werk zu konftontieren sind Seine Nachfahren im Geiste möchten wir mit der Ehrengabe auszeichnen und damit Linien von Vergleichbarkeit und Verlebendigung ziehen. Ich glaube, daß die Heinrich-Heine-Gesellschaft sich auf diese Weise in eine sehr spezielle Literaturgeschichtsschreibung einmischen kann und muß. Denn die Reihe der seit 1965 klug, mutig und jeweils kritisch ausgewählten Ehrengabe-Preisträger ist so respektabel und Heine-gemäß daß ich sie als Folge von bedeutenden Stimmen aus über drei Jahrzehnten nennen möchte
Max Brod, Hilde Domin, Marcel Reich-Ranicki, Martin Walser, Peter Rühmkorf, Kay und Lore Lorentz, Sarah Kirsch und Tankred Dorst.
Die Ehrengabe wird heute zum 9. Mal verliehen. Die Jury, die jedes Mal von der Heine-Gesellschaft neu berufen wird, bestand im vergangenen Jahr aus Herrn Dr. Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Herrn Professor Walter Hinck von der Universität Köln, Herrn Professor Joseph A. Kruse als Direktor des Heinrich-Heine-Instituts und Geschaftsführer unserer Gesellschaft und mir, der Vorsitzenden. Ich darf meinen Kollegen in der Jury sehr herzlich danken für das fruchtbare Gespräch, das ich in bester Erinnerung habe. Für die Jury war die Wirkung von Ruth Klügers so dichter Autobiographie weiter leben ein Phänomen, das der Aktualität des Heine Jahres 1997 bestens ansteht. Für uns kommt innerhalb der in jüngster Zeit erschienenen, eindringlichen Erinnerungsliteratur mit ethischer und politischer Reichweite von Semprun über Klemperer bis Kertesz gerade ihrem Buch eine ganz wesentliche Rolle zu.
Ruth Klüger erhält wie die Vorgängerinnen und Vorgänger der letzten Jahre eine Bronzeplastik vom Schöpfer des Düsseldorfer Heine-Denkmals Bert Gerresheim. Diese Vor- und Nebenarbeit zum Monument, das 1981 eingeweiht wurde, stellt den >>Lazaruskopf<< dar. Mir erscheint der Ernst und das Leiden der Heine’schen Gesichtszüge in der Verbindung zum Leben und zur Autobiographie von Ruth Klüger besonders eindrucksvoll. Die Klugheit und Stärke dieser Schriftstellerin ist bewundernswert. Sie beschönigt nichts, sondern hält fest und durchdringt selbst ureigenste Verletzungen mit unsentimentaler Distanz. Mir persönlich sind ihre Schilderungen besonders nahe gegangen. Trotz noch so verschiedener Erlebniswelten und Blickwinkel fand ich in ihrer Autobiographie, Frau Klüger, manche Gemeinsamkeiten, die mich tief berührt haben. Wenn Sie schreiben »Es wurde naß, dann sehr kalt. Es war der Winter 44/45, den niemand vergessen wird, der damals in Europa war<<, wird unerhört eindringlich im Äußeren die innere Stimmung deutlich, die jene Zeit unserer Vergangenheit für alle damals Dabeigewesenen unvergeßlich prägte. Die Erinnerung an diese alles umfassende Kälte, das Elend und die Isolation dieser Zeit hat mich sehr bedrückt. Im Herbst 1944 war mein Vater infolge des Aufstandes vom 20. Juli hingerichtet worden. In seinen erschütternden Briefen aus dem Gefängnis schrieb er von der Not und der Einsamkeit des gefangenen Menschen im fortwährenden Ringen um Haltung und Tapferkeit. Er schriebt vor dem Tod >>Ich bin so fern, so einsam, so allein.<<
Die Erinnerung an die Toten und die Verantwortung der Lebenden, das, meine sehr verehrten Damen und Herren, soll durch die Verleihung der Ehrengabe in diesem Heine Jahr 1997 ins Gedächtnis gerufen werden. Ruth Krüger ist dafür eine bewunderungswürdige Zeugin. - Ich danke Ihnen.
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