>>Die wichtigste Frage der Menschheit<<

Prof. Dr. Joseph A. Kruse über Heinrich Heine und sein Verhältnis zur Theologie


I

Im Jahre 1827, so berichtet Heine in seiner Denkschrift über Ludwig Börne /1/, sei er auf dem Wege nach München in Frankfurt am Main mit dem dortigen Schriftstellerkollegen zusammengetroffen und habe in dessen Begleitung auch das >>Judenquartier<< durchwandert. Diese Konstellation war im Blick auf die bis dato abgespulten Annalen der deutschen Literatur von einmaliger Bedeutung: zwei getaufte Juden mit jeweils einiger Reputation bei Literaturkritik und Publikum begegnen ihrer - wohlgemerkt - von der christlichen Umwelt stets bewußt gehaltenen Herkunft und zwar an einem Orte, der unter anderm auch durch Gesang und Literatur einen mehrtausendjährigen Schmerz vergegenwärtigte.

Rabbi Chayim singt >>in den sanftesten Klagelauten, die allmählig bis zum entsetzlichsten Zorne anschwollen<<, nach Börnes von >>einem mürrischen Lachen<< begleiteten Worten: >>ein gutes Lied<<, >>ein lyrisches Meisterstück<<, das Heine übrigens ohne >Übersetzung< schon nicht mehr versteht, nämlich den 137. Psalm: >>wir saßen an den Flüssen Babels, unsere Harfen hingen an den Trauerweiden usw.<< - ein >>Leitmotiv<</2/ im Werk Heines. Dem Rabbi ist die jüdische Geschichte die reinste und traurigste Gegenwart, in der er noch den Untergang Jerusalems durch Nebukadnezar beweint, obwohl unterdessen längst auch, wie Börne bemerkt, der zweite Tempel durch Titus zerstört worden ist. Börne resümiert das Schicksal jener gewaltigen Gegner aus grauer Vorzeit: >>Das ist sehr merkwürdig, daß alle Feinde der Kinder Israel ein so schlechtes Ende nehmen.<< Und Börne warnt: >>Die späteren Bösewichter, die Judenfeinde, sollten sich in Acht nehmen... Aber was hilfts, es schreckt sie nicht ab, das furchtbare Beispiel, und dieser Tage habe ich wieder eine Broschüre gegen die Juden gelesen, von einem Professor der Philosophie<<. Diesem zeitgenössischen Verfasser antisemitischer Schriften wünscht er statt des Schicksals seines alttestamentarischen Vorgängers Nebukadnezar, der am Ende wie ein Ochse Gras fressen mußte - übrigens eine der von Heine gern zitierten biblischen Geschichten über dem Hochmut folgende Entwürdigung -, /3/ ihm wünschte Börne: >>er ginge zur See und machte Schiffbruch an der nordafrikanischen Küste.<< Dort nämlich fühlten sich, wie Börne gerade gelesen haben will, die Mohammedaner durch ihre Religion berechtigt, alle Christen als Sklaven zu behandeln.

Der versklavte deutsche Philosophieprofessor ist freilich nicht die Sinnspitze der Börneschen Betrachtung über das jüdische Schicksal. Die Versklavung als solche ist als Strafe ohne erzieherischen Wert. Die nordafrikanische Nachricht besitzt nämlich einen Nebensinn, der uns nach der bereits in nuce erfolgten religionssoziologischen Einführung in den Umgang der drei Offenbarungsreligionen miteinander direkt in das Gebiet der Theologie führt, wenn auch nicht ohne die bei Heine immer mitgelieferten Ironie. Die Mohammedaner verteilen nämlich die Schiffbrüchigen unter sich >>und benutzen jeden derselben nach seinen Fähigkeiten<<. >>So hat nun jüngst ein Engländer<<, läßt Heine seinen Kollegen Börne erzählen, >>der jene Küsten bereiste, dort einen deutschen Gelehrten gefunden, der Schiffbruch erlitten und Sklave geworden, aber zu gar nichts zu gebrauchen war, als daß man ihm Eier zum Ausbrüten unterlegte; er gehörte nämlich zur theologischen Fakultät.<< Diese Bemerkung über die mangelnde praktische Begabung des Theologen, über seine nur beim Ausbrüten überhaupt noch nennenswerte Verwendungsmöglichkeit, macht bereits deutlich, daß Heines eigene in unserem Thema angesprochenen theologischen Geschäfte so weltfremd und seßhaft-beschränkt nicht beschaffen sein können. Börnes Anekdote endet mit seinem Wunsch, der deutsche Philosophieprofessor möge in der Lage seines Kollegen von der theologischen Fakultät geraten, um so einen Sinneswandel zu erleben: >>wenn er auf seinen Eiern drei Wochen unaufstehlich sitzen müßte (sind es Enteneier, sogar vier Wochen), so kämen ihm gewiß allerlei Gedanken in den Sinn, die ihm bisher nie eingefallen, und ich wette, er verwünscht den Glaubensfanatismus, der in Europa die Juden und in Afrika die Christen herabwürdigt und sogar einen Doktor der Theologie bis zur Bruthenne entmenscht... Die Hühner, die er ausbrütet, werden sogar tolerant schmecken<<. Die Anekdote über die nordafrikanische Sklaverei und der Theologenwitz richten sich gegen die Ausgrenzungstendenz der durch ihren Absolutheitsanspruch intolerant gewordenen Religionen des Christentums und des Islams, wobei hier dem Judentum nur die Rolle der auf der Stelle tretenden leidvollen Erinnerung zugewiesen wird. Dabei erfährt der Doktor der Theologie gleichzeitig durch ein Mitleid des Entsetzens eine gewisse Rehabilitierung.

Unser Auftakt aus dem Börne-Buch soll übrigens von vorneherein klarmachen, in welchem religionshistorischen Kontext Heine sich befindet /4/ und welche Konsequenzen er daraus zieht: jede Weise des den genervten Beobachter langweilenden Fanatismus >>stinkt<<, wie es Heines späte Disputation so treffend auf den Punkt gebracht hat./5/ Und nur Toleranz ermöglicht ein unversklavtes, - und um hier auf die klassischen Verse aus dem Almansor anzuspielen /6/ - weder von Bücherverbrennung noch Mord bedrohtes Leben in einer (religiös gesehen) pluralistischen Gesellschaft. Unser Thema soll insgesamt nur dazu dienen, die Vielfalt der Heineschen Begabungen, Interessen und Rollen sowie sein schriftstellerisches Verantwortungsgefühl in den Blick zu nehmen und nicht etwa ein Versuch sein, den Dichter mit subtilen Mitteln zu retten, zu bekehren oder in die fromme Pflicht zu nehmen. /7/ Darum sei die Behauptung aufgestellt, daß es sich bei Heine außer um einen nichtpraktizierenden Juristen, erfolgreichen Lyriker, Prosaisten, Journalisten, Literaturhistoriker und politischen Kommentator obendrein um einen, wenn auch eigenwilligen, selbsternannten oder von den Lesern so interpretierten Theologen handelt. /8/

  1. B7, S. 22f. - Heine versteht sich übrigens in den ersten Pariser Jahren als >>geborenen Antagonisten des jüdisch-mohametanisch-kristlichen Déismus<< (an Heinrich Laube, 23.11.1835, HSA XXI, S. 126).

  2. Peter Guttenhöfer, Heinrich Heine und die Bibel, Diss. München 1970, S. 69.

  3. Aus dem Buch Daniel Kap. 4,30; Vgl. Guttenhöfer, a.a.O., S. 42

  4. Heines besondere religiöse Kondition erhält ihre Grundierung z. B. durch die zahlreichen Verweise auf >>Sachen, Begriffe, Ereignisse<<, auf >>Motive, Bilder, Chiffren<< und >>Figuren<< im Register der Briegleb-Ausgabe (jeweils mindestens 110 zu 38 zu 140 Schlagworte aus dem religiösen Bereich). Hätte Heine nicht stets religiöse und theologische Fragen als wesentlich angesehen, wäre diese Fülle nicht erklärbar.

  5. Letzte Zeile des letzten Gedichtes der Hebräischen Melodien im 3. und letzten Buch des Romanzero, B 11/1, S. 172: >>Daß der Rabbi und der Mönch,/Daß sie alle beide stinken.<<

  6. B 1, S. 284-285: >>Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher/Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.<<

  7. Solche Anstrengungen hat z. B. die evangelische Missionsbewegung unternommen, was Heines sogenannte Bekehrung betrifft. Vgl. als Überblick mit Zitat des verbreiteten apokryphen Gedichts Zerschlagen ist die alte Leier Peter Walter, Hat sich Heine am Ende seines Lebens bekehrt? Religionskritik und Altersreligiosität bei Heinrich Heine, in: factum 9 (1987), S. 35-46 und 10 (1987), S. 28-37; vgl. weiterhin Wilhelm R. Brauer, Heinrich Heines Heimkehr zu Gott, Witten 1981 (Wittener Reihe Nr. 145).

  8. Während die Heine-Bibliographie n von Wilhelm/Galley (1960) und Seifert (1968) als Schlagworte nur Religion/Kirche/Christentum enthalten, erscheint erst in der anschließenden Bibliographie von Seifert/Volgina (1986) der Begriff Theologie. - Das von Ferdinand Schlingensiepen hrsg.Textbuch Heine als Theologe ist hilfreich, vermag aber in den überleitenden Texten das Problem nur anzureißen (München 1981).

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