>>Die wichtigste Frage der Menschheit<<

Prof. Dr. Joseph A. Kruse über Heinrich Heine und sein Verhältnis zur Theologie


III

Die komplementäre Voraussetzung für diese theologische Beschäftigung Heines ist ohne Zweifel seine Religiosität, die sich deshalb so offen und ungestüm entfalten konnte, weil er seiner familiären Herkunft und Kindheit nach, wie Hans Mayer mit Recht festgestellt hat, >>jenseits der Religionen, Weltanschauungen und eingespielten gesellschaftlichen Systeme<< steht und >>als Schriftsteller, vor allem am Beginn seiner Laufbahn, ganz ohne Tradition<< auftreten kann./16/ Heine stellt gewissermaßen das männliche Gegenstück der jüdischen Freundin von Wally, der Zweiflerin, dar. Diese Delphine Karl Gutzkows kennt nicht das erotisch und religiös zerquälte Gewissen, an dem Wally zugrunde geht, weil sie, von ihrer jüdischen Religion bereits entfernt genug und durch das Christentum nicht infiziert, einfachhin >>glücklich<< ist: >>denn niemals wird ihr die Religion irgendeine Ängstlichkeit verursachen<<, heißt es in Wallys Tagebuch./17/ Auch Heines Religiosität hat etwas unbeschwert Kindliches an sich - etwa im Gegensatz zu seiner Altersgenossin Droste-Hülshoff und im Unterschied zu den die Säkularisierung weitertreibenden Pfarrerssöhnen in der deutschen Literatur./18/ Eine natürliche Mystik ist ihm zu eigen, da ihn von Kindesbeinen an das Nachdenken über die Natur Gottes beglückt hat: >>einer solchen frühen, ursprünglichen Religiosität<< ist er sich >>aufs freudigste bewußt<<, sie habe ihn nie verlassen, >>Gott war immer der Anfang und das Ende aller meiner Gedanken<<./19/ Ja selbst die fließenden Übergänge beim Heineschen Gottesbild sind dadurch zu erklären und legen eine nicht zu starre Abgrenzung des pantheistischen, deistischen und persönlichen Gottes in Heines religiöser und theologischer Praxis nahe; ja setzen >>Gewerbefreiheit der Götter<<, Vielfalt der Religionen und ökumenische Haltung voraus./20/

Die Ausbildung seiner religiösen und dann auch theologischen Interessen verdankt er zu einem guten Teil seinem Philosophielehrer, dem Rektor des Düsseldorfer Lyzeums, Schallmayer./21/ Es ist bezeichnend, daß dieser nicht nur ehemaliger Bonner Theologieprofessor war, sondern, wenn auch noch Weltpriester, so aufgrund der politischen Zeitläufte kein Ordensgeistlicher mehr, in der Intensität kirchlicher Ordnung sozusagen gelockert und an den Rand gerückt. Er ist das geistliche Gegenbild zum weltlichen Lehrer Heines mit eigentlich ausbildender Funktion, dem Trommler Le Grand nämlich, der ihm auf der Trommel das notwendige historische Bewußtsein vermittelt hat. Heine internalisiert den Tambour, den er auf ideelle Weise bis zuletzt aus sich sprechen läßt/22/, aber er verinnerlicht auch den Rektor Schallmayer, setzt dessen Linie durch sein Werk und als popularisierender Laientheologe fort, nachdem eine Nachfolge per Einstieg in die katholische Hierarchie bis hin zum phantastischen Entwurf der eigenen päpstlichen und den Segen urbi et orbi erteilenden Position wie alle anderen ihm zugedachten Lebenspläne der Mutter gescheitert ist.

Die katholisch-theologische Karrierebeschreibung ist bezeichnenderweise die Nahtstelle zwischen seinen Geständnissen und den Memoiren, so daß seine autobiographische Prosa durch die höchste Form pastoral-theologischer Phantasien verklammert wird./23/ Der Abstieg aus den Höhen des Lateranpalastes zur einzig eingelösten Rolle als Schriftsteller und lyrischer Dichter wird mit einer echten Geste der Bescheidenheit ins Wort gebracht: es sei nichts aus ihm geworden, - aber:>>Man ist viel, wenn man ein Dichter ist<<./24/ Denn der Dichter vermag, auch als Theologe, lediglich Perspektiven zu liefern oder Korrektive anzubieten - mehr, für die Stadt und den Weltkreis, ist der Mensch aber als Papst oder Staatsmann. Diese haben vordringlich die drei großen Fragen zu lösen, die Heine an verschiedenen Stellen und Zeiten mit jeweils gleicher Formelhaftigkeit beschwört: die >>große Gottesfrage<<, die >>große Suppenfrage<< und die >>große Kamelfrage<<, d.h. Fragen nach Grund und Sinn der Welt wie der Existenz, nach der materiellen Überlebensmöglichkeit und nach sozialer Gerechtigkeit, nämlich nach dem >>Nadelöhr<< und der Verteilung exklusiven Reichtums./25/

Heines theologisches Interesse kann deshalb, weil Gott und Welt eine Einheit bilden und die Ordnung Gottes den menschlichen Bedürfnissen nach Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit entspricht, von ihm selber auf folgende Spitze getrieben werden: >>Weder die Böswilligkeit meiner Feinde, noch die pfiffige Torheit meiner Freunde, soll mich davon abhalten über die wichtigste Frage der Menschheit über das Wesen Gottes, unumwunden und offen, mein Bekentnnis auszusprechen.<</26/ Heine hat die Lektion, daß der Atheismus eine große Sünde sei, bei seinem Vater gelernt/27/ und bekennt in Aufhebung seiner manchmal festzustellenden Antitheologie:/28/ >>Ich gehöre nicht zu den Atheisten, die da verneinen; ich bejahe.<</29/ Somit reiht er sich in die Theodizee und Fundamentaltheologie ein. Aus spielerischem Interesse wird ironischer Ernst, wie sich vor allem am Beispiel des sich redlich selbst widerlegenden Heinrich Kitzler aus den Elementargeistern zeigt, der nie mit seiner >>Vortrefflichkeit des Christentums<< zu Rande kommt./30/ Immer ist die Hegelsche Dialektik mit ihrem Trinitätsdreischritt als Heinesche Welt- und Lebensbeschreibung aus der 2. Bergidylle mitzudenken/31/, wo das geläufige theologische Sprechen auf seine Ursprünge zurückgeführt und umgewendet wird: die Schöpfung des Vaters, die Liebe des Sohnes und die Freiheit des Heiligen Geistes bestimmen das Programm des Schriftstellers Heine, des Schülers des Trommlers Le Grand und des ehemaligen Franziskanerpaters Schallmayer.

  1. Hans Mayer, Von Lessing bis Thomas Mann, Pfullingen 1959, S. 275.

  2. Karl Gutzkow, Werke, hrsg. von Peter Müller, 4 Bde., Leipzig 1911, Bd. 2, S. 272: Delphine ist nach Gutzkow auch deshalb dem Judentum fern, weil sie eine Frau ist; >>einen weiblichen Gottesdienst gibt es in ihrem Glauben nicht<<.

  3. Vgl. Albrecht Schöne, Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne, Göttingen 1958 (Palaestra, Bd. 126).

  4. Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, 3. Buch, B 5, S. 602. - Vgl. z. B. die Diss. von Carl Puetzfeld, Heinrich Heines religiöse Entwicklung bis zum Abschluß seiner Universitätsjahre, Berlin 1912.

  5. Vgl. zur schulmäßigen Ausbildung seines Gottesbildes die Baseler Diss. von Ruth Saueracker-Ritter, Heinrich Heines Verhältnis zur Philosophie, München 1974, S. 49-54, - Vgl. zur fruchtbaren Konkurrenz von Religionen und Kirchen Die Stadt Lucca, Kap. XIV, B 3, S. 518 (Zitat).

  6. Vgl. DHA VIII, S. 521 f. (Kommentar zu Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland) und DHA XV, S. 537-539 (Kommentar zu Geständnisse).

  7. Vgl. das Trommler- und Trommelmotiv in: Ideen. Das Buch Le Grand und Doktrin, das erste der Zeitgedichte in den Neuen Gedichten (B 7, S. 412).

  8. Vgl. die Beiträge von Gerd Heinemann und Michael Werner über den Entstehungszusammenhang der späten autobiographischen Schriften (vgl. DHA XV, S. 273 f. und 1061).

  9. Geständnisse, B 11, S. 498.- Auf den an dieser Stelle gleichzeitig selbstbewußten wie bescheidenen Sprachgestus weist bereits Guttenhöfer, a.a.O., S. 198 hin.

  10. Die Formeln finden sich in (1.) der Vorrede zur zweiten Auflage von Salon II aus dem Jahre 1852, B 5, S. 509; (2.) Vorrede von 1851 seiner Jugendtragödie William Ratcliff, B 1, S. 340; und (3.) Lutetia, 2. Teil (Artikel vom 5. Mai 1843), B 9, S. 453.- Als 4. Frage wird man noch >>der großen Frauenfrage<< in Heines Werk einen, wenn auch ambivalenten, Platz zusprechen dürfen, (Lutetia, 1. Teil: Artikel vom 1. Oktober 1840, B 9, S. 319; vgl. Martha Kaasberg-Wallach, Heine aus feministischer Sicht, Frauenbilder in Lutetia und Geständnisse, in: HJb 29 (1990).

  11. Vorbericht zum Vorläufer der Romantischen Schule vom 2. April 1833, B 6, S. 861.

  12. Memoiren, B 11, S. 610.- Damit endet übrigens das Memoiren-Fragment.

  13. Schlingensiepen, a.a.O., S. 11: Heines Theologie sei >>weithin eine Antitheologie<<.

  14. B 6, S. 861.

  15. B 5, S. 679ff.

  16. Sowohl in der Harzreise wie in Buch der Lieder, B 1, S. 170-172 u. B.3, S. 132-134.

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