Baudelaire (Foto)
Modernität bei Heine und Baudelaire

Essay von Christine Beirnaert

Heine (Zeichnung von Ludwig Grimm 1828)


1. Das Verhältnis Kunst/Realität

1.1. Die Literaturentwicklung in Frankreich

Von der zunehmend konservativen Gesellschaftsordnung der Julimonarchie und deren wirtschaftlicher Zuspitzung nach der Julirevolution enttäuscht, reagieren die zunächst für die Ziele der französischen Revolution von 1789 engagierten Romantiker mit resignativer Absage an die Gesellschaft. Erst mit der Generation, die nach 1840 die Literaturszene betritt, löst sich die gesellschaftsabgewandte "L'art pour l'art"-Haltung auf: aufgrund der Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, gestützt auf die schon um 1830 entwickelten Thesen der Saint-Simonisten, bahnen sich ästhetische Alternativen ihren Weg, welche die Harmonisierung der gesellschaftlichen Widersprüche ablehnen und so ein neues Verständnis von der Aufgabe der Literatur erschließen. Balzacs "Poésie du Mal" problematisiert die durch die Industrialisierung herbeigeführte Umbruchsituation der 40er Jahre und stellt dabei die in den 30er Jahren herrschende Ästhetik infrage, indem sie die wirklichen Vorgänge des gesellschaftlichen Lebens und dessen Widersprüche in realistischer Manier gestaltet /1/. Die Unordnung, das Chaos, gelten von nun an endgültig als ästhetisch darstellbar, nachdem Diderot schon Mitte des 18. Jahrhunderts sie in seiner Enzyklopädie als mögliche Kunstauffassung angedeutet hatte /2/.

Den wirklichen Durchbruch zu dieser "modernen" Kunsttheorie hatte die "Querelle des Anciens et des modernes" an der Wende der Aufklärung möglich gemacht, als man sich eingestehen konnte, daß die Kunst jeder Epoche aufgrund des Wandels der Regierungsformen, der Sitten und anderer geschichtlich bedingter Erscheinungen nicht mit demselben Maßstab gemessen werden darf /3/.

Mit Anbruch der bürgerlich-kapitalistischen Zeit und den daraus resultierenden politischen und sozialen Strukturveränderungen ändert sich so bei den Schriftstellern, die die neue Wirklichkeit und den historischen Bruch bewußt wahrnehmen, auch ihr Verhältnis zum Schönen.

1. Vgl. Stenzel, Historischer Ort Baudelaires, S. 75
2. Vgl. Diderot, Enzyklopädie, S. 178
3. Vgl. Jauß, Literaturgeschichte als Provokation, S.33

1.2. Die Literaturentwicklung in Deutschland

1832, im Todesjahr Goethes, herrscht in Deutschland noch weitgehend eine aristokratisch-feudalistische Kultur, die "auf der höchsten Durchbildung des Individuums beruhte" /4/; entsprechend ist diese, durch politischen Stillstand gekennzeichnete Literaturperiode von Goethes Kunstkonzeption der künstlerischen Perfektion geprägt. Was nicht heißt, daß ihm das Bewußtsein einer kommenden literarisch-ästhetischen Wende gefehlt hätte. So schreibt Goethe 1830 in einen Brief an seinen Freund Zelter:

"Es stehen zwey Partheyen gegen einander, zwey Vor-
stellungsarten, die sich im Einzelnen bestreiten,
weil sie sich im ganzen beseitigen möchten. Wir kämp-
fen für die Vollkommenheit eines Kunstwerks, in und
an sich selbst, jene denken an dessen Wirkung nach
außen, um welche sich der wahre Künstler gar nicht
bekümmert" /5/.

Gemeint sind der Protest des "Jungen Deutschland" gegen die Autorität der klassischen Ästhetik, die Abkehr von der romantischen Kunstkonzeption, welche das Verhältnis zur Realität nicht über die Gegenwart sucht, sowie der historische Befund der Hegelschen Kunstphilosophie, wonach die Mittel der Kunst nicht mehr in der Lage sind, den bürgerlich und gesellschaftlich geprägten Weltzustand darzustellen.

Die Gleichzeitigkeit sich einander ähnelnder literarisch-ästhetischer Erscheinungen sind nicht allein der deutschen oder französischen Nationalliteratur eigen, sondern überhaupt als Tendenzen einer Epochenwende, Ausdruck des Aufbruchs einer neuen Welt und deren aus dem Spannungsverhältnis zwischen oppositionellen und herrschenden Teilen des Bürgertums einerseits und aus der Entwicklung des Proletariats entstandenen Widersprüchen andererseits. In der Folge zeichnen sich literarische Erscheinungen ab, die mit dem Primat der klassischen Ästhetik brechen und sich der aktuellen Geschichte und Zeitbewegung öffnen.

4. Vgl. Windfuhr, H. Heines Modernität, S. 448
5. Vgl. ebd., S. 446

weiter mit 2. Der Weg zur Modernität

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Besucher seit 26. September 2001, 12 Uhr: Letzte Änderung am 8. November 2001 durch Frank Fremerey