Baudelaire (Foto)
Modernität bei Heine und Baudelaire

Essay von Christine Beirnaert

Heine (Zeichnung von Ludwig Grimm 1828)


0. Einleitung

Heines und Baudelaires schriftstellerische Tätigkeit fällt im wesentlichen in ein und dieselbe Epoche. Frankreich und Deutschland erleben nach dem Wiener Kongreß fast synchron ein restauratives politisches Klima, das charakterisiert ist durch die Enttäuschung über zwei gescheiterte politische Revolutionen, über die die technische Revolution gnadenlos hinweggeht.

Immer wieder siegt darum die Restauration - die Begeisterung über den französischen Juli und den deutschen März erlahmt ebenso rasch wie sie sich strohfeuerhaft 1848 wiederholt: nicht ein Wechsel der Herrschaftsform sondern lediglich ein Wechsel der die Herrschaft tragenden Clique findet statt und das auch nur in Paris und nicht in Wien und Berlin.

Heine und Baudelaire nehmen diese gesellschaftliche und politische Konstellation ohne Illusionen, ohne bürgerliche Scheuklappen wahr, sehen sich darum auch weder mit den Mitteln der Klassik noch denen der Romantik imstande, die Realität dieser Übergangszeit zwischen Vormoderne und Moderne wiederzugeben. Daß sie sich in diesem Dilemma nicht in die sog. objektive Gegenwartsdarstellung flüchten sondern unbeirrt eine persönliche Antwort suchen, die bis heute nur zu oft als Zynismus abgetan wird, erweist sie als wahre Dichter.

Beide entwickeln, von unterschiedlichen literarischen Prämissen ausgehend (Kap. 1), eine ästhetische Konzeption, die die historischen Parameter eines übergreifenden Prozesses umfassen, und erfinden dabei eben die neue Darstellungsweise der subjektiv wahrgenommenen epochalen Widersprüche, womit sie, sozusagen en passant, Literaturgeschichte schreiben (Kap. 2). Am Beispiel von hierfür repräsentativen Gedichten sei dann abschließend der Versuch gemacht, das spezifisch Moderne von Heine und Baudelaire herauszuarbeiten.

weiter mit 1. Das Verhältnis Kunst/Realität

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