>>Die wichtigste Frage der Menschheit<<

Prof. Dr. Joseph A. Kruse über Heinrich Heine und sein Verhältnis zur Theologie


Professor Dr. Joseph A. Kruse, Direktor des Heinrich-Heine-Instituts Düsseldorf und Geschäftsführer der Heinrich-Heine-Gesellschaft e.V.



Editorial
von Wolfgang Henrich

Weil er seinen Lebensunterhalt mit dem Schleifen und Polieren optischer Linsen für Brillen, Mikroskope und Teleskope verdiente und dabei der mutigste Denker Europas nach dem Dreißigjährigen Krieg war, konnte sein Bewunderer Heinrich Heine nicht anders, als von seinen Nachfolgern zu behaupten: >>Alle Philosophen nach ihm haben durch seine geschliffenen Gläser gesehen.<<

Daß nicht wenige von ihnen - es sei nur an den unglücklichen Egon Friedell /1/ erinnert - trotzdem nur ein verzerrtes Bild von Gott und der Welt haben, mag an dem uneingestandenen Neid liegen gegenüber diesem >>seltsame(n), liebenswerte(n) Charakter, der den mutigsten Versuch der Neuzeit unternahm, eine Philosophie zu finden, die an die Stelle des verlorenen Glaubens treten könnte<< /2/.

So empfanden, ganz ergriffen wie Heine, die Eheleute Durant den Philosophen Baruch Spinoza in ihrer 1912 begonnenen und 1975 mit dem 18. Band Die Napoleonische Ära abgeschlossenen Kulturgeschichte der Menschheit. Spinoza, der am 24. November 1632 in Amsterdam geboren wurde, starb, nicht einmal 45 Jahre alt, am 20. Februar 1677 im Haag. Er, der, um es ohne weitere Umschweife zu sagen, nicht zuletzt die moderne Bibelkritik begründete, was heutzutage wiederum neidlos nur Leute vom Schlage eines Bultmann zugeben können, stammt aus einer zum Christentum bekehrten Judenfamilie in der Stadt Espinoza bei Burgos in der spanischen Provinz Léon, aus welcher Gelehrte, Priester und der Kardinal Diego d’Espinoza, der sogar Großinquisitor war, hervorgegangen sind. Ein Teil der Familie wanderte, >>wahrscheinlich um der spanischen Inquisition zu entrinnen<<, wie die Durants vermuten, nach Portugal aus und lebte dort einige Zeit in Vidigueira bei Beja; dann zogen Großvater und Vater des Philosophen nach Nantes in Frankreich und 1593 von dort nach Amsterdam, das übrigens seinerzeit als Unterbistum dem Kardinalerzbischof wie dem Großinquisitor von Köln gehorchte.

Sie gehörten zu den ersten Juden, die sich in dieser Stadt niederließen, um sich der in der Union von Utrecht 1579 garantierten Religionsfreiheit zu erfreuen. 1628 galt der Großvater als das Haupt der sephardischen Gemeinde Amsterdams; der Vater war mehrmals Vorsteher der dortigen Judenschule und Präsident der Wohltätigkeitsorganisationen der portugiesischen Synagoge. Baruch, was hebräisch >>gesegnet<< bedeutet, weshalb er später in offiziellen, lateinischen Dokumenten >>Benedictus<< genannt wird, konnte angesichts dieser Familiengeschichte wohl nicht anders, als buchstäblich den Glauben zu verlieren und stattdessen so erregenden Gedanken nachzugehen, wie daß die Substanz Gottes Körper, die Engel nur Phantome und Seele und Leben identisch sein könnten. Fundamentalistisch wie die von ihm erlebteWelt der drei auf die Bibel schwörenden patriarchalischen Religionen war, konnten weder >>Jud, Muselmann oder Christ<< (Lessing) ihm folgen - stattdessen mußten sie ihn ausstoßen - aber darüber später mehr mit den Worten Heines.

Hier nur seine wichtigsten Erkenntnisse hinsichtlich der Herkunft der Bibel resp. des Alten Testamentes: Spinoza, um wieder die Eheleute Durant zu Wort kommen zu lassen,

>>erkannte und bewies die Schwierigkeit, das Hebräische des Alten Testaments zu verstehen; die Vokalisierung und Akzentuierung des Massora-Texts beruhte teilweise auf Vermutungen und konnte schwerlich als unanfechtbare Urfassung gelten. In den Anfangskapiteln seiner Abhandlung machte er sich weitgehend den Führer der Verirrten des Maimonides zunutze. Wie Abraham Ibn Esra und andere zweifelte er, daß Moses der Verfasser des Pentateuch sei. Er bestritt, daß Josua das Buch Josua aufgezeichnet habe, und er schrieb die geschichtlichen Bücher des Alten Testaments dem Schriftgelehrten Esra aus dem fünften Jahrhundert vor Christus zu.<<

In der Tat, nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft im Jahre 538 vor Christus, begann die Redaktion der Heiligen Schrift in der Form, wie wir sie heute kennen. Überhaupt setzte sich damals erst der Glaube an Jahwe als den einen Gott durch, der sich bis dahin die Macht mit den Göttinnen Aschima Baetyl und Anathea Baetyl teilen mußte, wie uns die in der am Nil gelegenen hebräischen Militärkolonie Elephantine gefundenen Tell-Amarna-Briefe beweisen./3/ Um ein weiteres schlagendes Beispiel zu bringen: Spinozas Vermutung, das Buch Hiob sei ein ins Hebräische übersetztes heidnisches Werk, fand sich fast auf den Tag genau 300 Jahre nach seiner Geburt bestätigt, als in der Nähe des nordsyrischen Dorfes Ras Schamra (>>Fenchelkopf<<) 1932 die Palastbibliothek von Ugarit mit ihrem Keilschriftalphabet entziffert wurde./4/

*

Professor Dr. Joseph A. Kruse, Direktor des Düsseldorfer Heinrich-Heine-Instituts und Geschäftsführer der Heinrich-Heine-Gesellschaft e. V., spürt in seinem Essay behutsam auf, wie Heinrich Heine Goethes im Faust gestellte >>Gretchenfrage<< angegangen ist. >>Die wichtigste Frage der Menschheit<<, wie er nun formuliert, erläuterte Heine dem säkularisierten Pariser Publikum just zu dem Zeitpunkt, als es einem Saint Simon sein Ohr geliehen hatte, in dem erstmals 1834 erschienenen Werk: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland /5/, aus dem wir zur Einstimmung die angekündigte Passage über Baruch resp. Benedikt Spinoza zum Abschluß unseres Editorials bringen:

>>... Die protestantischen Pietisten sind Mystiker ohne Phantasie, und die protestantischen Orthodoxen sind Dogmatiker ohne Geist. Diese beiden protestantischen Parteien finden wir in einem erbitterten Kampfe zur Zeit des Leibniz, und die Philosophie desselben intervenierte späterhin, als Christian Wolf sich derselben bemächtigte, sie den Zeitbedürfnissen anpaßte und sie, was die Hauptsache war, in deutscher Sprache vortrug. Ehe wir aber von diesem Schüler des Leibniz, von den Wirkungen seines Strebens und von den späteren Schicksalen des Luthertums ein Weiteres berichten, müssen wir des providentiellen Mannes erwähnen, der gleichzeitig mit Locke und Leibniz sich in der Schule des Descartes gebildet hatte, lange Zeit nur mit Hohn und Haß betrachtet worden, und dennoch in unseren heutigen Tagen zur alleinigen Geisterherrschaft emporsteigt. Ich spreche von Benedikt Spinoza. Ein großer Genius bildet sich durch einen anderen großen Genius, weniger durch Assimilierung als durch Reibung. Ein Diamant schleift den andern. So hat die Philosophie des Descartes keineswegs die des Spinoza hervorgebracht, sondern nur befördert. Daher zunächst finden wir bei dem Schüler die Methode des Meisters; dieses ist ein großer Gewinn. Dann finden wir bei Spinoza, wie bei Descartes, die der Mathematik abgeborgte Beweisführung. Dieses ist ein großes Gebrechen. Die mathematische Form gibt dem Spinoza ein herbes Äußere. Aber dieses ist wie die herbe Schale der Mandel; der Kern ist um so erfreulicher. Bei der Lektüre des Spinoza ergreift uns ein Gefühl wie beim Anblick der großen Natur in ihrer lebendigsten Ruhe. Ein Wald von himmelhohen Gedanken, deren blühende Wipfel in wogender Bewegung sind, während die unerschütterlichen Baumstämme in der ewigen Erde wurzeln. Es ist ein gewisser Hauch in den Schriften des Spinoza, der unerklärlich. Man wird angeweht wie von den Lüften der Zukunft. Der Geist der hebräischen Propheten ruht vielleicht noch auf ihrem späten Enkel. Dabei ist ein Ernst in ihm, ein selbstbewußter Stolz, eine Gedankengradezza, die ebenfalls ein Erbteil zu sein scheint; denn Spinoza gehörte zu jenen Märtyrerfamilien, die damals von den allerkatholischsten Königen aus Spanien vertrieben worden. Dazu kommt noch die Geduld des Holländers, die sich ebenfalls, wie im Leben, so auch in den Schriften des Mannes niemals verleugnet hat. Konstatiert ist es, daß der Lebenswandel des Spinoza frei von allem Tadel war, rein und makellos wie das Leben seines göttlichen Vetters, Jesu Christi. Auch wie dieser litt er für seine Lehre, wie dieser trug er die Dornenkrone. Überall, wo ein großer Geist seinen Gedanken ausspricht, ist Golgatha. Teurer Leser, wenn du mal nach Amsterdam kömmst, so laß dir dort von dem Lohnlakaien die spanische Synagoge zeigen. Dieses ist ein schönes Gebäude, und das Dach ruht auf vier kolossalen Pfeilern, und in der Mitte steht die Kanzel, wo einst der Bannfluch ausgesprochen wurde über den Verächter des mosaischen Gesetzes, den Hidalgo Don Benedikt de Spinoza. Bei dieser Gelegenheit wurde auf einem Bockshorne geblasen, welches Schofar heißt. Es muß eine furchtbare Bewandtnis haben mit diesem Horne. Denn wie ich mal in dem Leben des Salomon Maimon gelesen, suchte einst ein Rabbi von Altona ihn, den Schüler Kants, wieder zum alten Glauben zurückzuführen, und als derselbe bei seinen philosophischen Ketzereien halsstarrig beharrte, wurde er drohend und zeigte ihm den Schofar, mit den finstern Worten >weiß(t) du, was das ist?< Als aber der Schüler Kants sehr gelassen antwortete >es ist das Horn eines Bockes!< da fiel der Rabbi rücklings zu Boden vor Entsetzen. Mit diesem Horne wurde die Exkommunikation des Spinoza akkompagniert, er wurde feierlich ausgestoßen aus der Gemeinschaft Israels und unwürdig erklärt hinfüro den Namen Jude zu tragen. Seine christlichen Feinde waren großmütig genug, ihm diesen Namen zu lassen. Die Juden aber, die Schweizergarde des Deismus, waren unerbittlich, und man zeigt den Platz vor der spanischen Synagoge zu Amsterdam, wo sie einst mit ihren langen Dolchen nach dem Spinoza gestochen haben. Ich konnte nicht umhin, auf solche persönliche Mißgeschicke des Mannes besonders aufmerksam zu machen. Ihn bildete nicht bloß die Schule, sondern auch das Leben. Das unterscheidet ihn von den meisten Philosophen, und in seinen Schriften erkennen wir die mittelbaren Einwirkungen des Lebens. Die Theologie war für ihn nicht bloß eine Wissenschaft. Ebenso die Politik. Auch diese lernte er in der Praxis kennen. Der Vater seiner Geliebten wurde wegen politischer Vergehen in den Niederlanden gehenkt. Und nirgends in der Welt wird man schlechter gehenkt wie in den Niederlanden. Ihr habt keinen Begriff davon, wie unendlich viele Vorbereitungen und Zeremonien dabei stattfinden. Der Delinquent stirbt zugleich vor langer Weile, und der Zuschauer hat dabei hinlängliche Muße zum Nachdenken. Ich bin davon überzeugt, daß Benedikt Spinoza über die Hinrichtung des alten Van Ende sehr viel nachgedacht hat, und so wie er früher die Religion mit ihren Dolchen begriffen, so begriff er auch jetzt die Politik mit ihren Stricken. Kunde davon gibt sein Tractatus politicus. Ich habe nur die Art und Weise hervorzuheben, wie die Philosophen mehr oder minder miteinander verwandt sind, und ich zeige nur die Verwandschaftsgrade und die Erbfolge. Diese Philosophie des Spinoza, des dritten Sohnes des René Descartes, wie er sie in seinem Hauptwerk, in der Ethik, doziert, ist von dem Materialismus seines Bruders Locke ebensosehr entfernt, wie von dem Idealismus seines Bruders Leibniz. Spinoza quält sich nicht analytisch mit der Frage über die letzten Gründe unserer Erkenntnisse. Er gibt uns seine große Synthese, seine Erklärung von der Gottheit. Benedikt Spinoza lehrt: Es gibt nur eine Substanz, das ist Gott. Diese eine Substanz ist unendlich, sie ist absolut. Alle endliche Substanzen derivieren von ihr, sind in ihr enthalten, tauchen in ihr auf, tauchen in ihr unter, sie haben nur relative, vorübergehende, akzidenzielle Existenz. Die absolute Substanz offenbart sich uns sowohl unter der Form des unendlichen Denkens, als auch unter der Form der unendlichen Ausdehnung. Beides, das unendliche Denken und die unendliche Ausdehnung, sind die zwei Attribute der absoluten Substanz. Wir erkennen nur diese zwei Attribute; Gott, die absolute Substanz, hat aber vielleicht noch mehr Attribute, die wir nicht kennen. >Non dico, me deum omnino cognoscere, sed me quaedam ejus attributa, non autem omnia, neque maximam intelligere partem.< Nur Unverstand und Böswilligkeit konnten diese Lehre das Beiwort >atheistisch< beilegen. Keiner hat sich jemals erhabener über die Gottheit ausgesprochen wie Spinoza. Statt zu sagen, er leugne Gott, könnte man sagen, er leugne den Menschen. Alle endlichen Dinge sind ihm nur Modi der unendlichen Substanz. Alle endlichen Dinge sind in Gott enthalten, der menschliche Geist ist nur ein Lichtstrahl des unendlichen Denkens, der menschliche Leib ist nur ein Atom der unendlichen Ausdehnung; Gott ist die unendliche Ursache beider, der Geister und der Leiber, natura naturans.<<


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  1. Egon Friedell Kulturgeschichte der Neuzeit Die Krisis der europäischen Seele von der Schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg, München 1984 (Erste Ausgabe in drei Bänden 1927-1931). Seine aus den Fugen geratene Kritik an Spinoza und seiner Philosophie s. S. 455-464.
  2. Will und Ariel Durant Kulturgeschichte der Menschheit, Band 13 Vom Aberglauben zur Wissenschaft, Frankfurt/Main; Berlin; Wien, Mai 1982, S. 154ff.
  3. Robert von Ranke-Graves Die Weiße Göttin - Sprache des Mythos, Reinbek bei Hamburg 1990, S. 439.
  4. Maurice Pope Das Rätsel der alten Schriften - Hieroglyphen, Keilschrift, Linear B, Bergisch Gladbach 1978, S. 132ff.
  5. Heinrich Heine Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland - 2. Buch, 2. Auflage, geschrieben zu Paris, im Wonnemond 1852.

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